Der Weltmarktführer – Ein Film-Kommentar von Walther Fekl
Weltmarktführer
Ein Film von Klaus Stern (Buch, Regie und Produktion)
In der Reihe “Das kleine Fernsehspiel” wurde “die Geschichte des Tan Siekmann” (so der lakonisch-trockene Untertitel) ausgestrahlt, “Realfiction” nennt sich ihr Verleih – ein Name wie erfunden für diesen Dokumentarfilm über einen realen “Helden”, der einem beim Betrachten in der Tat zunehmend ins Fiktive bzw. Virtuelle abzudriften scheint.
Die Eckdaten der Geschichte des Tan Siekmann, die hier – unter intelligent-konsequenter Aussparung der Privatsphäre – erzählt wird, sind schnell berichtet: Mit 17 Jahren gründet Tan 1984 seine Firma für Daten-Verschlüsselung, im Jahr 2000 geht er mit der Bio-Data an die Börse und landet am Neuen Markt den spektakulärsten Coup überhaupt. Bio-Data spielt nach kurzer Zeit mit einem Börsenwert von 2,1 Mrd Euro in der gleichen Liga wie Adidas-Salomon. Dahinter steht aber – doch wen interessierte das damals schon? – keine reale Wertschöpfung, sondern lediglich Wachstumserwartungen treiben den Kurs der 8 Millionen Euro umsetzenden Firma in solche Höhen. Die spekulative Blase platzt, Biodata ist bereits im November 2001 insolvent. Tan Siekmann, der immerhin noch über ein Millionenvermögen aus dem Verkauf eines Bruchteils seiner Aktien verfügt, kauft Teile seiner Firma zurück, macht aus der AG eine Gmbh, die ihrerseits im Oktober 2004 Insolvenz anmelden muss. Von der ersten Pleite an hat Klaus Stern mit seiner Kamera den Youngster unter den Newcomern begleitet, hat Angestellte, Anleger, Mitschüler und die Mutter interviewt und die nordhessische Landschaft im Bild eingefangen und diese diversen Mosaiksteine so zusammengestellt, dass es sich in jedem einzelnen Betrachter zu einem wohl höchst unterschiedlichen, auf alle Fälle aber einem nuancierten Bild des Menschen Tan Siekmann und seines New-Economy-Umfeldes zusammenfügt.
Das Cover-Foto der DVD zeigt Tan Siekmann nach dem Börsenstart der Biodata, auf dem Bullen vor der Frankfurter Börse reitend – ein schönes, aussagekräftiges, komplexes Bild, wie so viele in diesem handwerklich – nein: künstlerisch – exzellenten Film. Packt Tan den Stier nun bei den Hörnern oder stemmt er sich (bereits) dem Abwerfen entgegen? Ist das nun die Re-Inkarnation des klassischen Reiterstandbilds oder bloß ein Schnappschuss von einem Jungenstreich? Citizen Tan ist obenauf als Börsen-winner und doch ein kleiner Bengel. Er trägt Nadelstreifen mit denkbar unpassender Krawatte, Budapester Schuhe (echt oder Imitat?) und kindische Strümpfe. Babyface gibt hier den aboluten (aber gewiss nicht aufgeklärten und schon gar nicht abgeklärten) Herrscher und den Hofnarren zugleich, mit dem Stier als Unter-Tan.
Auch die erste Filmsequenz liefert gleich perfekte Ambivalenz: Start des Privatflugzeuges, natürlich mit Tan am Steuerknüppel, neben ihm sein Geschäftsführer und getreuer Adlatus Stefan Schraps. Ein Bild, das steilen Aufschwung suggeriert, aber rasch als bedenklicher Verlust an Bodenhaftung erkennbar wird. Tan, der über weite Strecken als geradezu pathologischer Optimist mit deutlichem Hang zum Realitätsverlust entgegentritt, tritt einem bald auch als – in Maßen – selbstkritischer Mensch gegenüber, der dann aber auch gleich wieder sein Flugzeug wie ein durchgedrehter Draufgänger steuert, der den Begriff Gefahr nicht zu kennen scheint. Man begreift, dass es diesem Erfolgsjunkie nie um den Besitz von Geld ging. Das dient ihm allenfalls dazu, sich sein Techno-Spielzeug zu kaufen: seine Firma, seinen Ferrari oder wenigstens Porsche, sein Flugzeug. Rasch ist man selbst als Zuschauer in der Gefahr, dem gewinnenden Lächeln zu erliegen, das zahlreichen Anlegern und Mitarbeitern erhebliche Verluste und Verdienstausfälle eintrug. Doch solche Details fechten einen Tan Siekmann nicht an. Auskunftsfreudig ist er jederzeit, doch zu Rechtfertigungen sieht er keinen Anlass. Dafür hat man seinen Rechtsanwalt. Er selbst scheint sich auch keines Vergehens bewusst zu sein. Niemanden hat er geprellt, Angestellte, die ihre Löhne nicht ausbezahlt bekamen, haben halt investiert: in den “coolsten Arbeisplatz der Gegend”, bei der “geilsten Firma in Nordhessen”.
Tan ist aber nicht einfach ein virtuoser Rattenfänger, der Weltmarkt-Verführer glaubt offenbar selbst, was er sagt. Nur so bringt es ja fertig bei einer Weihnachtsfeier in trostlosem Ambiente, inmitten der winterkargen nordhessischen Landschaft, auf der die Stimmung wie die Billigstverpflegung auf dem absoluten Nullpunkt angekommen ist, den Biodata-Geist zu spüren, die alte Familie zu beschwören, den Aufschwung kommen zu sehen – und seine Mitarbeiter zum freundlichen Lachen zu animieren. Anhand solcher exzellent fotografierten und perfekt montierten Sequenzen verbindet Stern meisterlich die Tragödie des verblendeten Einzelgängers mit der Gaunerkomödie über einen charmanten, ja verführerischen Betrüger, die präzise beobachtende Sozial- und Heimat-Studie mit dem „Märchen vom eiskalten Prinzen aus Nordhessen“.
Noch grotesker als die Weihnachts- gerät die 20-Jahr-Feier, auf der der gerade 37 jährige Tan Siekmann (Siegmann oder sick man?) in einer Mischung aus Weihekitsch und Peepshow sein vorläufig letztes Zukunftsmodell, ein Verschlüsselungs-Handy, vorstellt und dann noch – Höhepunkt der Tragikomödie – das Lied “Es wird einmal ein Wunder gescheh’n” anstimmt. Kurz vor der zweiten Insolvenz spürt Siekmann, im Zwiegespräch mit seinem Sancho Pansa (Stefan Schraps) bei einem Rundgang auf der Cebit, “wie es wieder kribbelt” und er fantasiert von Anlagestrategien für die illusorischen künftigen Gewinne. Doch das einzige Wunder, das noch geschehen wird, ist dieser außergewöhnliche Streifen – eine dreifache Sternstunde des Autors, Regisseurs und Produzenten dieses Dokumentarfilms aus der ach schon so fernen Tan-Epoche.
Vielen Dank von Seiten der Schaltzeit GmbH unserem Gastautor Walther Fekl vom Deutschlektorat der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder). Er ist vor allem als Ko-Autor des Frankreich-Lexikons bekannt.
Text: Walter Fekl
Bilder: Sanja Gjenero; Simon Gray
















